Kultur, Künste und Bildung könnten erblühen – wenn …

08.10.2012 02:00 von Harald Buwert

Ein kleiner Diskussions-Beitrag

Ein kleiner Diskussions-Beitrag zum Thema Kultur, Künste und Bildung könnten erblühen – wenn …

Abseits von Alltagssorgen wenden wir uns gern kulturellen und künstlerischen Dingen zu. Sei es, um uns abzulenken, zu genießen oder selbst tätig zu werden. Es beruhigt uns, beflügelt die Sinne und gibt dem Leben einen subjektiven Freiraum. Ich meine nicht die Info-Media-Pop-Produkte, mit denen uns Fernsehen, Videorecorder, iphones und andere Einrichtungen der Konsumkultur auf Schritt und Tritt verfolgen. Sondern kreativ ausgeübte Kulturleistungen, die theoretisch von jedem Menschen genossen und produziert werden können. Ganz praktisch stoßen wir dabei kurz über lang an gewisse Grenzen. Es fehlt uns an Zeit oder Geduld, an den nötigen Ressourcen, an Kenntnissen und Qualifikation, an Hilfestellung durch andere und sehr oft am erforderlichen Geld. Die meisten von uns können sich „Kultur & Kunst“ nur zeitweise leisten oder geben sich mit den Produkten des populären Massengeschmacks zufrieden, die billig zu haben und zu reproduzieren sind. Natürlich gibt es Ausnahmen, Glücks-, Nischen- und gesponserte Talent-Fälle. Doch zirka zwanzig Prozent unserer Mitmenschen fehlen die finanziellen Mittel für den Genuss wertbildender und humanistischer Kultur, Kunst und Bildung grundsätzlich. Um selbst künstlerisch und kulturell etwas schaffen zu können, sieht es nicht besser aus. Vor allem nicht, wenn es ein Erwerbs-Zubrot ermöglichen oder gar zu einer bleibenden Einkommensquelle werden soll. Allein gelassen, ob auf privater oder gewerblicher Basis, gibt es selten echte Lösungen und Auswege. Gruppenbildung kann zu mehr oder weniger Öffentlichkeitserfolgen führen. Doch auch die sind schnell vergessen, können sie nicht auf Werbe-, Marketing- und Promotion-Wissen und -Mittel zugreifen, was wiederum Geldeinsatz erfordert. An der monetären Barriere scheitern auch größere Organisationen. Wer nicht scheitert, hat entweder wohlwollende Geldgeber im Hintergrund oder orientiert seine Tätigkeiten oder Produkte am Mainstream oder am Wohlwollen interessierter Kreise mit entsprechendem Einfluss. Die neuen sogenannten „social media“-Techniken ändern daran nichts Grundsätzliches, geben jedoch erweiterte Möglichkeiten. Natürlich kann ein jeder von uns auf eine „Entdeckung“ seiner Fähigkeiten und ihre Finanzierung oder ihren lukrativen Verkauf hoffen. „Lotto-Glücks-Streben“ ist eine besondere Art der Motivation, an die zu glauben jedem frei steht. Es konterkariert die Deklaration der Menschenrechte, die jedem einzelnen Menschen das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, angemessene Nahrung, auf den besten erreichbaren Gesundheitszustand, Bildung und auf Teilhabe am kulturellen Leben zuerkennt. Denn das „wahre Leben“ spricht eine andere Sprache. Es ist geprägt vom kapitalistischen Recht auf private Aneignung und gesellschaftliche Unterordnung unter das Diktat der Geldvermehrung. Es verneint die Gleichheit, weil es sie nicht herstellen kann.

Die derzeitige Diskussion um das „geistige Eigentum“, seine Vermarktung und das Urheberrecht kreist um den Widerspruch zwischen geistiger Freiheit und finanziellen Notwendigkeiten. Heinrich Heine brachte ihn seinerzeit (1851) mit zwei Aussagen auf den Punkt: „Nichts ist lächerlicher als das reklamierte Eigentumsrecht an Ideen“. Aber: „Ich enthalte mich jedes Urteils über solche Frage, und freue mich nur darüber, daß ihr dem armen Dochte, der sich brennend verzehrt, eine kleine Vergütung verwilligen wollt für sein großes, gemeinnütziges Beleuchtungsverdienst!“

Zur Reform des Urheberrechts machte der Musik- und Kulturwirtschaftsforscher Peter Tschmuck einige Vorschläge, die den Widerspruch zwar nicht lösen können, aber die Faktenlage verdeutlichen und zeitgemäße Verbesserungen beinhalten. Einerseits konstatiert er: „… sollte ein Urheberrecht in der digitalen Netzwerkgesellschaft … Kreativität und Innovation fördern und die soziale Wohlfahrt steigern“. Andererseits stellt er fest, dass Kunst- und Kulturschaffende heutzutage „versuchen müssen, möglichst viele Ertragsquellen gleichzeitig anzuzapfen, denn es reicht … nicht mehr aus, ((z. B.)) einen »Plattenvertrag« zu haben und von den Tantiemen zu leben, sondern es bedarf der Zusammenarbeit mit vielen Partnern“ (Quelle: http://www.jungewelt.de/2012/10-05/025.php). Das bedeutet gezwungen zu sein, sich als Künstler "Ertragsquellen" zu schaffen. Diese Arbeit, die früher ein „Verlag“ machte, fällt heute zunehmend auf den Urheber seines Produktes zurück. Das kostet Zeit, Arbeit und Geld. „Soziale Wohlfahrt“ können auch mit reformierten Gesetzen wiederum nur die „Besten“, die „Glückhabenden“ und natürlich die Begüterten erlangen.

Wie stellte sich die Lebenslage dar, gäbe es für jeden Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen? Was änderte es im Leben für uns und vor allem für jene zirka zwanzig Prozent, für die Kunst und Kultur zu genießen oder/und herzustellen kaum erschwinglich ist?

Heinrich Heine schrieb: “Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt.”

Professor Dr. Hans Lenk vom Institut für Philosophie an der Universität Karlsruhe und Olympiasieger im Rudern setzt sich mit dem gesellschaftspolitischen Widerspruch zwischen dem ökonomischen Leistungsdruck und den kulturellen Eigen-Leistungen auseinander. Zugespitzt formuliert er: „Eigen-Leistung muss sich wieder lohnen!“ Für ihre Befreiung aus den ökonomischen Zwängen fordert er deshalb ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden. Denn „die Persönlichkeit entwickelt sich in ihren kreativen Eigenleistungen. Das Prinzip Eigenleistung ist kulturell, erzieherisch und gesellschaftlich unverzichtbar.“ Deshalb „… könnte … die Einführung eines garantierten und frei verfügbaren Grundeinkommens nicht nur die lebensnotwendige Grund- oder Basisversorgung sichern, sondern … die eigeninitiativen Dispositionsfreiheiten und kreativen Leistungsanreize … ermöglichen, ja geradezu erheblich fördern.“ Und „die Demokratie braucht die engagierten Eigenleistungen, lebt gerade­zu von diesen – gerade auch von solchen, die sie nicht erzwingen kann: Auch gesellschaftlich sind Eigenaktivierungen und Eigenleistungen also unverzicht­bar. Sie müssen aber auch anerkannt werden: Eigenleistung muss sich wieder lohnen!“ – „Garantiertes Grundeinkommen garantiert zwar keine kreativen Leistungen, aber es kann diese ‚ermöglichen‘, potentiell bewirken und in diesem Sinne ‚freisetzen‘.“

Die äußerst lesenswerten Ausführungen seiner Begründung eines Grundeinkommens sind für jeden verständlich und überzeugend formuliert.

Hans Lenks PDF-Artikel aus dem Buch „Das Grundeinkommen“ kann hier heruntergeladen werden: https://dl.dropbox.com/u/18764444/Hans%20Lenk%20-%20Leistung%20und%20Grundeinkommen.pdf

Das ganze kostenfreie Buch mit wissenschaftlichen Artikeln zum Thema „Grundeinkommen – Würdigung, Wertungen, Wege“ auf 372 Seiten gibt es als PDF-Datei hier: http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&ved=0CCUQFjAA&url=http%3A%2F%2Fuvka.ubka.uni-karlsruhe.de%2Fshop%2Fdownload%2F1000028770&ei=IJtuUPKeHMfUsgaMhoCgBQ&usg=AFQjCNES5Kzh32S_f5pKnM0T7g0Tw1ludQ


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